Weihnachten aus dem Feuerwehrauto
24. Dezember 2020 Pfaffenhofen


Christvesper an Heiligabend
24. Dezember 2020 Bayern 2, 18:05 - 18:30 Uhr

Sie können diese Radioansprache auch als Podcast hören.

Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer, an diesem besonderen Heiligen Abend. Ein Virus zwingt uns fast in die Knie – aber heute Nacht knie ich nur vor dem Jesuskind in der Krippe. Vor ihm knien Arme und Reiche, Gesunde und Kranke, Hirten und Könige, negativ wie positiv getestet, Jung und Alt. Auch ich komme so, wie ich bin. Nachdenklicher und etwas gespannter.

Weihnachten verpasst?

Obwohl es viele Jahre her ist, erinnere ich mich gut, als wäre es gestern gewesen. Ich bin ein kleiner Junge, etwa 9 Jahre alt. Bei uns zu Hause ist es üblich, dass wir Kinder im Kinderzimmer warten müssen, bis im Wohnzimmer ein kleines Glöckchen klingelt. Dann geht die Türe auf und der Weihnachtsbaum strahlt im Licht der Kerzen. Bis dahin liege ich auf dem Bett in meinem Zimmer und lese. Dann werde ich müde und schlafe ein. Auf einmal bin ich wach. In der Wohnung ist es völlig still. Ich höre niemanden reden. Ich laufe in alle Räume – niemand ist da, meine Eltern nicht, meine Geschwister nicht. Hinter der milchigen Glasscheibe des Wohnzimmers – alles dunkel. Die ganze Wohnung ist dunkel.

Nach der Bescherung essen wir immer zu Abend und gehen dann in den Weihnachtsgottesdienst. Das ist Tradition bei uns. Und jetzt ist niemand von meiner Familie mehr da. Ich gehe zurück ins dunkle Kinderzimmer und hocke mich auf den Boden: ‚Jetzt hast du Weihnachten verpasst! Du hast alles verschlafen, Bescherung, Abendessen und Kirche!‘ Weinen kann ich nicht. Ich denke nur: ‚Ich bin allein und die anderen sind in der Kirche.‘ Dann höre ich plötzlich den Schlüssel in der Wohnungstüre, lärmend kommen alle zurück. Erst nach einer Weile gehe ich traurig in die Küche und sage zu meiner Mutter: „Warum habt ihr mich nicht geweckt? Jetzt habe ich alles verpasst!“ Und plötzlich fließen die Tränen und meine Mutter nimmt mich in den Arm und lacht, drückt und umarmt mich und sagt etwas, aber ich kann es nicht verstehen, so schüttelt es mich.

Dann höre ich auf einmal das Weihnachtsglöckchen. Und meine Mutter sagt: „Jung, wir waren doch nur ganz kurz unten bei den Nachbarn. Es waren ja nur ein paar Minuten“. Nur ein paar Minuten – für mich war es eine Ewigkeit gewesen! Denn ich dachte, ich hätte Weihnachten verpasst!

An dieses Erlebnis vor über 50 Jahren muss ich denken, als mir jemand erzählt, dass er Weihnachten in diesem schrecklichen Jahr 2020 ganz bewusst verschlafen werde. „Wenn es dunkel wird“, sagt er, „werde ich bald ins Bett gehen um am nächsten Morgen aufzuwachen, als wäre es ein ganz normaler Tag. Dann tut Weihnachten nicht mehr ganz so weh, wenn ich es verschlafe“. Ich denke nur: ‚Ich weiß, was du dann am nächsten Morgen fühlst. Und ich wünsche dir, dass dich jemand wach macht.‘

Jetzt hast du Weihnachten verpasst! So habe ich als kleiner Junge gedacht. Je älter ich wurde, desto eher passierte mir das Gegenteil. In den letzten Jahren war ich nicht immer auf den Punkt vorbereitet. Mein Gefühl war mehr: Weihnachten erwischt einen nie zur richtigen Zeit. Es gab zu vieles, was nicht fertig wurde, alles geschah immer auf den letzten Drücker.

Weihnachten kommt nie zur richtigen Zeit

Und dann ist dieses Jahr gekommen und schon fast wieder gegangen, das Jahr 2020, das noch ganz anders ist. Heuer fühlt sich alles aus anderen Gründen seltsam an. Denn die ‚Stille Nacht‘ will einem gar nicht so richtig über die Lippen kommen, weil man es eben satt hat, das laute Schweigen, die Einsamkeit, die Wände, die einen erdrücken wollen. Und nun soll heute Weihnachten sein, obwohl so vieles fehlt, was bisher die Weihnachtstage ausgemacht hat. Und nicht jedem ist weihnachtlich zu Mute.

Den Menschen bei Jesu Geburt ist es nicht anders ergangen. Glaubt irgendjemand, Maria hätte darauf gewartet, schwanger zu werden? Kinder kriegen erwischt einen selten zur richtigen Zeit. Und dann die seltsamen Umstände!

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2, 1-7)

Wie ist es Josef wohl zu Beginn seiner Geschichte mit Maria ergangen? Ihm hat es die Sprache verschlagen. Nicht ein einziges Wort von ihm ist in der Bibel überliefert. Josef – der große Schweiger. Er hat vermutlich gedacht: „Die Frau meiner Träume ist schwanger, aber nicht von mir. Ich bin wütend, aber sie schweigt. Was soll ich da noch sagen? Ich habe keinen Plan, was ich jetzt tun soll. Ich könnte ihr einen Scheidebrief geben und – ihr zuliebe – sie heimlich verlassen, dann könnte sie neu anfangen. Und ich auch. Aber das ist es nicht, was ich will. Ich bin Hausbauer, Zimmermann. Ich will ein Zuhause bauen, heiraten, Kinder kriegen, Ansehen haben. Ich will eine Familie mit allem, was dazu gehört. Und was bekomme ich? Weihnachten.“ – Weihnachten erwischt einen nie zur richtigen Zeit.

Oder glaubt irgendjemand, die Hirten hätten gewartet auf die Engel? Im Leben nicht. Wie soll ich mir das vorstellen: Dass sie am Heiligen Abend was besonders Gutes am Feuer gekocht haben? Die waren einfach nur fix und fertig von dem Werktag, der vergangen war wie jeder andere Werktag auch, ganz normaler Trott, wie immer. Die sind froh gewesen, dass sie endlich die Augen zu machen konnten – und dann leuchtet irgendetwas über ihnen und andauernd ruft jemand was, von ‚Ehre sei Gott‘ und ‚Frieden‘ und dass man ‚sich nicht fürchten soll‘. Die sollen sich bloß selber in Acht nehmen, diese Nachtruhestörer! – Weihnachten erwischt einen nie zur richtigen Zeit.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lukas 2, 8-14)
Sich stören lassen ist ein Anfang

Die Hirten haben sich stören lassen in ihrer Nachtruhe. Mitten im Dunklen sind die Hirten bereit, zuzuhören, sich zu öffnen. Für mich stehen sie in der Weihnachtsgeschichte für die Menschen, die lauschen, die nicht verschlossen und versiegelt sind. Ja, es kann schon sein, dass es auch ihnen am liebsten gewesen wäre, sie hätten diese Nacht verschlafen können. Wie jener, der sich wünscht, Weihnachten möge nicht mehr so wehtun. Die Hirten dagegen hören Engel. Sie sind nicht so taub geworden, dass sie nicht auf Boten achten würden, die sagen, was eine Bedeutung haben wird.

Ich glaube nicht, dass die Hirten wirklich Ausschau gehalten haben, was ihr Leben ändern könnte. Sie haben sich wecken lassen, die Hirten damals – und wir, wir auch, wenn wir noch nicht abgestumpft sind: Mögen wir auch manchen Schmerz vergessen wollen, es wäre ein Jammer, wenn wir nichts hören, nichts fühlen wollten.

Dann waren und sind da Engel, auch heute noch. Keine mit Flügeln und Rauschgold, eher handfester und kerniger. Menschen, die sich uns in den Weg stellen und sagen; Gott ist nahe. Und wir können uns entscheiden, ob wir diesen Engeln und ihrer Botschaft trauen wollen.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. (Lukas 2, 15-16)
Bethlehem ist auch ein Pflegeheim

Die Hirten, diese raubeinigen Gesellen, sind die Ersten bei der Krippe. Die Letzten werden die Ersten sein. Dieser ganze Aufwand, den Gott betreibt, so wird es dann später im Evangelium erzählt, geschieht schon immer um der Letzten willen, um der Kleinen und Unscheinbaren am Rand. Gott liebt das Kleine und das, was im Unsichtbaren geschieht. Gott liebt das, was in den Krankenhäusern in dieser Nacht und vielen anderen Nächten geschieht. Gott sieht, was andere übersehen. Draußen laufen einige herum und rufen nach Demokratie und Freiheit und meinen die Freiheit von der Maske. Und drinnen kümmern sich Menschen Tag und Nacht mit FFP 2-Maske und allen Kräften um andere wie die Hirten um die, die der Herde verloren zu gehen drohen. Die Inzidenzzahlen in den verschiedenen Landkreisen sind hoch. Nur noch wenige Intensivbetten stehen zur Verfügung. Und die medizinischen Kräfte kämpfen um das Leben der Menschen. Sie spüren den Druck, dass auch andere Kranke auf sie warten. Für mich sind sie die Hirtinnen und Hirten in den Krankenhäusern. Auch im Kindergarten machen Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen einen großartigen Hirtenjob, um den Kleinsten zu zeigen: Fürchtet euch nicht. So wie das Personal in den Senioren- und Pflegeheimen sich bemüht, der Einsamkeit entgegenzuwirken. Bethlehem ist das Kleine und Bethlehem ist auch ein Pflegeheim. Bethlehem ist der Ort, wo man das Unsichtbare so sieht, als wäre es das Eigentliche. Wo es möglich ist, im Unscheinbaren das zu ergreifen, was wirklich gelten wird.

Das Herodes-Sein in mir

Zu den größten Ängsten gehört, dass man etwas verpasst haben könnte im eigenen Leben. Manche erleben diese Angst als Kind, so wie ich es erlebt habe. Andere bauen um diese Angst herum auch als Erwachsene noch dicke Mauern. So wie Herodes, der die Heiligen Drei Könige ausfragte nach dem Stern und dem neugeborenen König, der ihm womöglich bedrohlich werden könnte. Etwas von Herodes lebt auch in uns. Ängstlich bangend um unseren Einfluss, immer bereit unsere Macht zu sichern – am Arbeitsplatz, in der Familie. Vielleicht nicht ganz so hinterlistig und mörderisch in den eigenen Taten wie er, aber sicher manchmal in Gedanken. Das ‚Herodes-Sein‘ in mir macht, dass die Angst mein Ratgeber wird. Angst, dass ich die Kontrolle verlieren könnte. Oder dass es nicht weitergehen könnte. Oder eine verdrängte Angst lauert, dass in mir etwas verkehrt sein könnte. Dass ich verkehrt bin und nicht hierhin gehöre. Dass ich nirgends hingehöre. Solche Gedanken kommen mir manchmal. Sie kommen dann, wenn ich mich für den alleinigen Autor meiner Geschichte und das tatsächlich für mein Glück halte – auch wenn es mich einsam macht. Das ‚macht‘ das Herodes-Sein in mir. Herodes ist die einzige Figur in der Weihnachtsgeschichte, die außen vor bleibt.

Oder gibt es Hoffnung für Herodes? Für ihn ist das Jesuskind so weit weg, dass es ihn nicht berührt. Doch darauf käme es an, sich dem Kind zu nähern! Dem Kind in der Krippe – und dem Kind in ihm. Denn das Kind in der Krippe sagt: ‚Du kannst nicht ewig leben, du kannst nicht auf ewig dein Ich bewahren, so wie du über dich selber denken willst. Aber Du kannst neu anfangen. Du kannst dich besinnen und einen anderen, einen neuen Weg gehen.‘ So wie die Hirten: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem.

Das Jesuskind zeigt allen, die vor der Krippe knien: Weihnachten kommt immer zu richtigen Zeit. Weihnachten kommt ‚alle Jahre wieder‘. So wie das Mittelmeer oder der Ozean wiederkommt. Im Sommer stehe ich am Ufer, höre das Rauschen der Wellen, sehe das Wasser glitzern. Manchmal lass ich das Meer nicht an mich ran, stehe nur mit den Füßen im Wasser. Oder ich mach’s wie die Kinder, die springen hinein ‚in dulci jubilo‘, mit Jauchzen und süßer Freude. Weihnachten und Meer sind sich ähnlich: Will ich meine Seele drin baden, vollständig eintauchen? Oder nur mit den Zehen oder dem Verstand prüfen, ob es mir gut tun könnte? Zweimal im Jahr dieselbe Erkenntnis: Ich kann nichts dazu tun, dass das Meer kommt – und an Weihnachten kann ich auch nichts dazu tun, dass Gott kommt! Ob ich mich freu oder nicht: Gott kommt uns nahe!

Hoffnungsglitzer streuen

Heuer ist es äußerlich wenig weihnachtlich. Weihnachtslieder dürfen in öffentlichen Gottesdiensten nicht gesungen werden. Das schmerzt. Und ist doch zugleich meine Gelegenheit heute, eine, die so womöglich nie wiederkehren wird, diese besondere Gelegenheit, im eigenen Herzen voll in die Weihnachtsgeschichte hineinzuspringen wie ins Meer. Sich fühlen wie die Hirten, die ein Ohr haben für das, was Engel sagen. Oder selber Engel werden, für andere. Hoffnungsglitzer streuen. So wie die Sonne das Meer glitzern lässt. ‚In dulci jubilo‘.

Sich fühlen wie die Hirten, die auf die Engel hören. Auf einmal stehen sie neben dir, du weißt: Die Engel des Herrn. – Und fürchteten sich sehr. Das bin ich, das sind wir. Und deshalb, liebe Hörerinnen und Hörer, ist es auch mir und Ihnen heute gesagt: Fürchtet euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren! Er ist das Kind, das mich heil macht.

Das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Geht es noch friedlicher oder harmloser? Es gibt auf jeden Fall nichts Irdischeres als ein Kind. Jede und jeder von uns ist als Kind auf diese Welt gekommen. Das Kind von Bethlehem bewahrt mich davor, über all dem Himmlischen der Weihnachtsgeschichte das Eine nicht zu überhören oder zu übersehen: Mit dem Kind beginnt die Erde neu – und wir mit ihm, wenn wir nur wollen. Mit jedem neugeborenen Wesen wird die Erde neu, wird die Hoffnung neu. Auch das zeigt mir das Jesuskind. Niemand hat Weihnachten retten müssen in diesem Jahr. Weihnachten rettet uns.

Weihnachten kommt nämlich in diesem Jahr genau richtig. Eine Mutter schreibt in einem Weihnachtsbrief: Weihnachten ist ein seltsames Fest, weil es auf dem schmalen Grat zwischen dem Dunklen und einer großen Freude liegt. In diesem Jahr ist der Grat, auf dem wir in diesem Tagen laufen, noch steiler, noch beängstigender. Und wir fürchten, vielleicht noch mehr als sonst, ins Dunkle abzustürzen. Wer weiß, wie schlecht es manchem ‚Kind in uns‘ geht.

Darum laufe ich am Schluss hinüber in die Weihnachtsgeschichte und springe in sie hinein wie in ein großes Meer und lasse mich bergen in die frohe Botschaft der Engel wie in erfrischenden Meereswellen: Fürchtet euch nicht. – Siehe, ich verkünde euch große Freude. – Euch ist heute der Heiland geboren.

Der Herr segne uns und behüte uns. Der Herr lasse das Licht von Weihnachten leuchten um uns. Er lasse leuchten sein Angesicht über uns und gebe uns den Frieden Marias und Josefs, der Hirten auf dem Feld und der Weisen in ihrer Anbetung. Es segne uns der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Eberhard Hadem